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JERUSALEMER TEMPELSTELE

Das zehn Zeilen lange Fragment berichtet von der »Renovierung des Hauses« und erinnert an die Sanierung des salomonischen Tempels durch König Joas. Erwähnt werden die Aufforderung des Königs an die Priester, öffentliche Gelder für die Bauarbeiten zu verwenden, sowie der Kauf von Bauholz und behauenen Steinen.

2. Könige 12:16 wird vollständig zitiert: "Auch brauchten die Männer nicht Rechnung zu legen, denen man das Geld übergab, dass sie es den Arbeitern gäben, sondern sie handelten auf Treu und Glauben."

Wenn das Werk vollendet sei, so der letzte Satz der Inschrift, werde »der Herr sein Volk mit Segen schützen«.

Professor Nadav Neeman, Historiker bei der Tel Aviv Universität, war sprachlos, als er in der Zeitung über einen der sensationellsten Funde der biblischen Archäologie las: eine steinerne Stele des Königs Jehoasch aus dem 9. Jahrhundert zu Renovierungsarbeiten am salomonischen Tempel. Sollte sie authentisch sein, dann würde sie nicht nur einen Bericht im zweiten Buch der Könige, Kap. 12 bestätigen. Sie wäre auch der erste außerbiblische Beweis für die Existenz jenes Tempels, den Salomon, der Sohn des David, errichtet hat. Wegen mehrfacher Zerstörung und Neubauten an dessen Stelle ist von dem ursprünglichen Tempel keine Spur mehr übrig geblieben.

Doch Neeman ist skeptisch: »Die Braut ist zu hübsch, um wahr zu sein.« Vor sieben Jahren hatte Neeman die These aufgestellt, dass die »historischen« Darstellungen in den Büchern der Könige relativ spät verfasst worden seien, also keine zeitgenössischen Chroniken seien, wie etwa die »Jüdischen Kriege« des Josephus. Neeman hatte angenommen, dass den biblischen Chronisten in zwei Fällen ältere Texte vorgelegen haben müssen. Das eine war der Bericht des Königs Jehoasch sowie eine ähnliche Huldigungstafel des Königs Ahas.

König Jehoaschs Bericht ist jetzt möglicherweise die 31 mal 24 cm große Steintafel mit phönikischer, also alt-hebräischer Inschrift. »Sollte jetzt auch noch die fehlende Tafel des Ahas auftauchen, wäre ich sicher, dass beides Fälschungen wären«, meint Neeman. So bleibt er »misstrauisch«, weil die Entdeckung aus dem Jerusalemer Untergrund »den Nagel auf den Kopf« seiner These trifft.

Doch für die beiden Mitarbeiter des geologischen Instituts in Jerusalem, Schimon Ilani und Amnon Rosenfeld, besteht kein Zweifel an dem Alter der Inschrift auf der geschwärzten Sandsteintafel, deren geologischer Ursprung die Gegend des Toten Meeres sei. Sie haben die Steintafel allein anhand ihrer physischen Struktur geprüft: ihre geologische Zusammensetzung, Patina, Dreck und andere Spuren in den Ritzen. Bis ins letzte Detail beschreiben sie die Deformation bei einigen Buchstaben, weil sich wegen Verwitterung 0,5 Millimeter große Quarzstücke aus dem Sandstein herausgelöst hätten.

Eine entscheidende Feststellung der Wissenschaftler ist wohl: »Es gibt keine Indikationen für Klebstoffe oder andere künstliche Substanzen. Nichts wurde gefunden, das ein Hinzufügen, Auftragen oder Ankleben von Patina, etwa Patina eines anderen Steines, auf der Platte oder in den Buchstaben beweisen könnte.« Ein Labor in Florida habe zudem Kohlenstoffe in der Patina mit der C-14 Methode auf ihr Alter überprüft und kam auf 2250 Jahre.

Wegen der Fehlerquote bestimmen die Forscher das Durchschnittsalter der Patina auf die Periode zwischen 390 und 200 vor Chr. In dieser Zeit sei wohl die Steinplatte unter der Erde »begraben« gewesen, obgleich sich die Patina auch schon früher gebildet haben könnte. Weil die Patina aus den gleichen chemischen Elementen bestehe wie der Stein, müsse von einer »natürlichen Patina« gesprochen werden, zumal die Wissenschaftler keine »heutigen« Substanzen entdeckt haben.

Ein weiteres Indiz für die Echtheit des Steines, seiner Patina und damit auch der Inschrift, seien Spuren von Goldklümpchen mit einem Durchmesser von 4 Mikronen. Die israelischen Geologen verweisen auf die biblische Beschreibung des von König Salomon errichteten Tempels. Sein Inneres sei vergoldet gewesen.

Im Jahr 586 vor Chr. zerstörte Nebukadnezar, König von Babel, den Tempel mit einem großen Brand (Jeremia 52:13). Das durch den Brand geschmolzene und verstreute Gold kann sich in dem Boden verteilt haben, in dem auch die Steinplatte unter Trümmern »in feuchter Erde, mit einem hohen Gehalt von Kalk und Eisen« begraben wurde. Da der Sandstein aus der judäischen Wüste kein Gold enthalte, sei die Entdeckung von Goldspuren in der Patina ein weiterer Hinweis auf die Echtheit.

Die Geologen vermuten, dass dieser Stein mit schwarzer Oberfläche ausgewählt worden sei, weil er auf dem Hintergrund des eher hellgelben Jerusalem-Steines »majestätisch« gewirkt habe. Und so vermuten sie, dass die Tafel zu Ehren des Königs Jehoasch als Restaurator des Tempels einige Jahrhunderte lang am Tempel gehangen habe. Sie sei von den Zusammenträgern der Königebücher dort gesehen und abgeschrieben worden.

Die berechtigte Skepsis der Archäologen hängt mit der »Entdeckung« der Tafel zusammen. Niemand weiß, wo, wann und wie sie »in Jerusalem« gefunden worden ist. Sie befinde sich im Privatbesitz eines Sammlers, der sie angeblich bei einem arabischen Antiquitätenhändler in Ostjerusalem erworben habe. Sollte sie echt sein und vom Tempelberg stammen, wäre ihr Auftauchen gerade jetzt keine große Überraschung.

Nach Ausbruch der Intifada im Herbst 2000 wurde der Tempelberg/Haram ech Scharif, das »erhabene Heiligtum« der Moslems, für »Ungläubige« gesperrt. Im Schutze der Nacht, am Wochenende, während die Juden Sabbat feierten, wurden mit Bulldozern tausende Tonnen »historisches Erdreich« nahe den traditionellen »salomonischen Ställen« im Südosten des von König Herodes vor 2000 Jahren erweiterten Tempelareals ausgehoben und mit Lastwaren zu einer Mülldeponie im Kidrontal gefahren. Kein Archäologe durfte diese »Ausgrabung« mit den Riesenschaufeln der Bagger überwachen. In der Deponie fanden Archäologen Scherben aus zwei Jahrtausenden.


Laute Proteste gegen diesen »Vandalismus« an einer der geschichtsträchtigsten Stellen der Menschheit verhallten ungehört. Die Moslems legten breite Stufen hinunter zu den Ställen Salomons, um die »größte unterirdische Moschee der Welt« auszubauen. Die israelische Regierung war mit dem schlimmsten Gewaltausbruch in der Geschichte Israels befasst und wollte nicht noch weiteres Öl in das lodernde Feuer des Nahen Ostens gießen.

Eine gewaltsame Besetzung des von den Moslems verwalteten Tempelberges, nur um »illegale Bauarbeiten« zu stoppen, hätte zu viele »religiöse Gefühle« der Moslems in aller Welt verletzt, obgleich israelische Archäologen die Zerstörung des »historischen Untergrundes des jüdischen Volkes« gleichsetzten mit der Sprengung der Buddha-Figuren durch die Taliban. Adnan Husseini Chefarchitekt des Wakf auf dem Tempelberg, bezeichnet den Stein als Fälschung und behauptet, dass niemand »unbemerkt« eine solche Tafel vom Tempelberg hätte »mitgehen« lassen können. Doch Husseini vertritt auch den ideologischen Standpunkt seiner Arbeitgeber, der »Hohen islamischen Behörde«.

Nach Ansicht des palästinensischen Religionsministers, des Mufti von Jerusalem und offiziellen Vertretern des Wakf hat es auf dem »Tempelberg« niemals einen »jüdischen Tempel« gegeben. Die mächtigen Quadern der Klagemauer seien nicht unter König Herodes gelegt worden, sondern von den Jebusitern, also noch vor Davids Eroberung.

Kleine Faltblätter des Wakf »erklärten« seinerzeit den Besuchern der Heiligen Stätten des Islam, dass König Salomon ein Mythos und dass der Tempel die Erfindung eines Volkes sei, das es historisch gar nicht gebe. Wenn also die heutigen Juden ein Volk ohne Geschichte und ohne Tempel sind, dann könnten sie auch keine Ansprüche auf den Tempelberg stellen. Das hat sogar Palästinenserpräsident Arafat in Camp David dem bestürzten Präsidenten Clinton erklärt. Kein Wunder also, dass die Verantwortlichen auf dem Tempelberg alles tun, um jegliche jüdische oder biblische Spuren zu zerstören oder wenigstens zu vertuschen.

Zu Wort meldete sich der Experte für semitische Sprachen, Professor Ed Greenstein von der Tel Aviver Universität. Der monierte das Auftauchen von »Bedek Bait« in der Inschrift, der neuhebräische Begriff »Renovieren«. In biblischer Zeit seien aber »Risse« im Mauerwerk gemeint gewesen. Greenstein scheint nur das Foto der Inschrift gesehen zu haben und nicht den Bericht des geologischen Instituts. Denn dort wird der hebräische Text völlig korrekt mit »Risse reparieren« übersetzt. Auch in der Bibel, in 2. Könige 12, kommt der Begriff »Bedek Bait« vor. Die Formulierung auf dem seiner Meinung nach »gefälschten« Stein bedeute »Risse machen«. Die mutmaßlichen Fälscher, so Greenstein, hätten modernes Hebräisch beherrscht.

Dem hält der Experte für die historische Entwicklung der hebräischen Sprache, Avi Hurvitz, dagegen, dass wir heute gar nicht so genau wissen, wie die Menschen vor 2800 Jahren gesprochen hätten. Es gebe kaum zeitgenössische Texte. Die Bibel sei erst hunderte Jahre später schriftlich fixiert worden. Während einer so langen Periode habe die hebräische Sprache eine Entwicklung durchgemacht. Wenn Geologen mit ihren objektiven Methoden einwandfrei nachweisen können, dass die Inschrift und Patina schon im vierten Jahrhundert vor Chr. existierten, dann könne jeglicher Verdacht auf eine moderne Fälschung ausgeschlossen werden, so Hurvitz. Was die Epigrafologen, Sprachforscher und Historiker dann aus dem Stein und dessen Inschrift lernen, sei nur noch Interpretation.

Auch Hurvitz hebt hervor, dass ein Nachweis der Echtheit der Tafel des Königs Jehoasch der erste archäologische »Beweis« für die Existenz des salomonischen Tempels bedeute und nicht nur wiederhole, was viele Menschen zwar glauben, andere aber anzweifeln: »Und die Bibel hat doch Recht.«

Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Textquelle: Sonntagsblatt
Ausgabe - vom (Datum): 04-26.01.2003

Zu Berliner Relief        Zu König Idrimi       Zu Soleb Stele       Zu Israel Stele       Zu Tel-Dan Stele       Zu Könige Jehu und Omri

 

Zu Tell-al-Rimah Stele       Zu König Ussija       Zu Nimrudtafel       Zu Sargon II       Zu Nebukadnezar II       Zu Nabonidus Zylinder

 

 

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